Interview mit Thiago Frey - Das 90 Kilometer Rennen

Die Vorgeschichte:

Thiago ist ein guter Freund, den ich in der Berufsschule in Sursee damals als Klassenkameraden kennengelernt hatte. Eines Tages habe ich auf seinem Insta mitverfolgt, wie er scheinbar aus dem Nichts einer eigenen Challenge nachgegangen ist: Ein Lauf von Lausanne nach Murten (90 Kilometer!)


Ricci: Hey Thiago, wir kennen uns schon lange, dennoch: Was du geschafft hast, hat mich sehr überrascht und schwer beeindruckt! Aber zuerst zu dir selbst. Du hast gerade eben die Lehre als Kaufmann bei der Luzerner Kantonalbank abgeschlossen und spielst in der Freizeit Fussball. Gibt es etwas weiteres, was dich in der Freizeit beschäftigt?


Thiago: Fußball ist ein großer Teil meines Lebens, das war es schon immer und es wird immer so bleiben. Die Lehre hat natürlich einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch genommen, weshalb es nicht viel Platz für anderes gab. In meiner Freizeit habe ich Mentaltraining gemacht, um einen Tiefenzustand der Psyche zu erreichen. So entsteht mehr Fokus. Zum Beispiel habe ich es auf Fußball bezogen, um mich dort zu pushen. In diesem Zustand stellt man sich Situationen vor, welche dann in der Realität besser angegangen werden (z.B. “Was mache ich vor dem Tor, wenn ich die Möglichkeit habe zu schießen?”). So nutzte ich die Freizeit, um meine mentale Stärke zu trainieren.

Aber auch sonst liebe ich Sport! Darum probiere ich immer wieder neues aus, wie zum Beispiel auch die Challenge....Zukünftig werde ich übrigens bei der LUKB im Private Banking arbeiten können.


Und heute geht es um diese Challenge! Gerne stelle ich dir nun einige Fragen dazu. Als erstes würde ich gerne wissen, wie viele andere auch: Wie bist du auf diese Idee überhaupt gekommen? Was hat dich inspiriert?


Meine Mutter hat etwas ähnliches gemacht, sie ist damals von Sursee ins Tessin gelaufen. So war das auch der ursprüngliche Plan. Nach einigen Recherchen fand ich die Strecke Lausanne-Murten viel spannender, da ich noch nie dort gewesen bin. Zudem ist die Wetterlage dort stabiler.

Die Motivation dahinter war auch mal etwas neues zu probieren und sich selbst ans eigene Limit (und darüber hinaus) zu bringen. Das mache ich auch gerne in den Ferien z.B. “Siehst du diesen Berg? - Dorthin werde ich rennen.” Manchmal kann das ein bisschen verrückt rüberkommen, aber ich fordere mich selbst gerne heraus und ziehe es dann auch wirklich durch.


Wie hast du dich vorbereitet, mental, geografisch und Körperlich?


Geografisch: Wie du aus der Schulzeit weißt, Ricci, bin ich echt nicht gut im Orientieren (mir kommen Flashbacks von einem gemeinsamen Orientierungslauf hoch XD ).

Dementsprechend kannte ich mehr oder weniger die Richtung und habe dann Google Maps benutzt. Ein paar Sackgassen und Sehenswürdigkeiten habe ich trotzdem gesehen (lacht).

Mental: Ich wusste, es wird eine Herausforderung. Doch die Strecke war dann härter als gedacht. Da ich bereits seit Jahren viel Sport mache und weiß, wie es ist, die eigenen Grenzen zu überschreiten, habe ich mich nicht zusätzlich speziell auf diesen Run vorbereitet. Nur weil ich mich selbst so gut kenne, habe ich mir das zugetraut.

Körperlich: Im Voraus habe ich viel gedehnt, aber wirklich Joggen als Vorbereitung war ich nicht. Außerdem: Obwohl ich sportlich bin, habe ich noch nie wirklich Ausdauersport betrieben. Ich wollte sehen, wie es sich anfühlt von Null auf Hundert zu gehen.


An was hast du während dem Lauf gedacht, was hat dich dort vorangetrieben?


Obwohl ich Airpods dabei hatte und Musik liebe, habe ich kein einziges Mal Musik gehört. Ich habe der Natur, den Menschen und den Städten zugehört. Am Anfang war es noch ziemlich cool und ich konnte mich gut voranbringen. Nach knapp 42 Kilometern haben sich die ersten Krämpfe ergeben. Ab dort war es ein bisschen Laufen und ein bisschen Rennen. Dann gab es einen Streckenabschnitt, der wirklich langweilig war. Es war einfach eine Gerade, die nichts zu bieten hatte. Ich habe sogar mit einem Freund telefoniert, um die Zeit zu überbrücken. Ein Mal hatte ich sogar etwas mit einem Mann gesprochen, auf französisch, obwohl ich Franz nicht mal wirklich fließend spreche. Er bot mir sogar an, sein Boot als Unterkunft zu benutzen. Dieses verlockende Angebot einer Pause musste ich jedoch ablehnen, denn ich wollte bis in die Nacht rennen.


Wann hast du also eine Pause gemacht?


Einige Stunden später, nach 72 Kilometer, habe ich mich dann entschlossen eine Pause zu machen. Es war dunkel und sehr kalt. Und genau dort, mitten im Wald, hat mich eine Igelfamilie die ganze Nacht wach gehalten. Nach knapp 3 Stunden gab ich den Versuch zu schlafen auf. Ich wollte mich nicht erkälten und die Körpertemperatur oben halten, also lief ich weiter. Starke Schmerzen im rechten Knie und viele Krämpfe führten dazu, dass ich eher humpelte als rannte. Es war eine Qual. Die daraus entstandene Nachtwanderung war mental, überraschend, sehr beruhigend. Man kann den Sternenhimmel bewundern, die Ruhe genießen und am Schluss auch den Sonnenaufgang sehen. Um 9 Uhr kam ich dann endlich am Bahnhof Murten an.

Schlussendlich hat mich mein Ziel vorangetrieben. Trotz all der erlittenen Schmerzen habe ich weitergemacht, immer mit dem selbst gesetzten Ziel im Hinterkopf, nach Murten zu kommen.

Was war das Härteste am Run?


Der Moment, als ich aufgestanden bin und alles geschmerzt hat. Ich habe mir verboten aufzugeben, weil ich das Ziel um jeden Preis erreichen wollte. Der Körper hat nein geschrien und mein Knie lief in der Tat sogar blau an und war geschwollen. Die Einsamkeit war zum Teil auch etwas gewöhnungsbedürftig. Diese Mischung erschuf also eine völlig neue Art der Herausforderung für mich. Diese Momente waren schlimm.


Und nun der bessere Teil: Was war für dich das Beste am Ganzen?


Als Murten endlich erreicht war, hat mich das extrem gefreut. Der Beste Moment war allerdings, als ich im Zug endlich meine Beine hochlagern konnte, um diese zu entlasten.

Hier möchte ich noch bemerken: Das eine ist das Ziel, das andere ist aber der Weg selbst. Obwohl ich Schmerzen hatte, hat mir trotzdem alles an der Reise gefallen. Die schönen Aussichten, die neuen Erlebnisse, das Ganze auch mit den anderen Teilen zu können...wie zum Beispiel als ich über Insta-Umfragen gefragt habe ob links oder rechts gehen sollte (lacht). Nach dem Run war das Beste, dass ich irgendwie 70 - 80 Rückmeldungen erhalten haben, praktisch gesagt alle davon waren positiv...die Leute waren von meinem Lauf inspiriert.


Zum Schluss noch dies: Was hast du in dieser Zeit gelernt? Neue Erkenntnisse?


Man sollte die Vorbereitung nie unterschätzen (vor allem physisch). Um etwas wirklich zu erreichen ohne so kaputt zu sein wie ich danach, sollte man sich besser vorbereiten. Zudem: Französisch ist wirklich nicht meine Sprache, obwohl ich die Sprache gerne höre (lacht).

Der Körper ist etwas tolles. Mit der richtigen Vorbereitung könnte ich selbst sogar noch mehr rausholen. Ich werde das auf jeden Fall wieder machen, vielleicht auch im Ausland oder mit dem Fahrrad, wenn das Training es erlaubt. Das Ganze werde ich sicherlich wieder in die Story posten (@thiago.frey)


Gibt es sonst was, was du unbedingt loswerden wolltest? Sei es zu deiner Motivation, Lebenseinstellung, ein Ratschlag oder auch dein Lieblingsspruch?


Die Tat ist alles. Der Weg, das Ziel, das Erlebnis, die Erfahrung...es ist das Ganze, was zählt.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten, Thiago!


Danke dir!


Dieses Foto entstand am zweiten Tag der Challenge, ca. um 05:00 Uhr.

Dieses Foto wurde kurz zuvor, in den frühen Morgenstunden am zweiten Tag der Challenge geschossen (Ca. 04:20 Uhr)


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